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Herstellungsleitertagung Kloster Irsee 2008

Längst war mal wieder ein Beitrag in der Rubrik »Reisetagebuch« fällig. Aber nicht jeder Termin ist es wert, gleich das Prädikat Reise zu tragen.
Meine Besuche im Allgäu vergangenes (langes) Wochenende aber allemal. Anlaß diesmal die einmal jährlich statt findende Herstellungsleitertagung, die seit etwa 20 Jahren im Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrum im Kloster Irsee beheimatet ist. Die Tagung findet immer über Christi Himmerfahrt und das anschließende Wochenende statt und dauerte dieses Jahr vom 30. April bis zum 4. Mai 2008. Sie hat nicht mehr allzu viel gemein mit dem fast beschaulichem Treffen, das 1951 auf Veranlassung von Fritz Poerschke und Carl Lehmann ca. 35 Münchner Hersteller nach Tutzing in die Evangelische Akademie lockte. Gemein bleibt der Tagung der Grundgedanke: Austausch untereinander samt aktivem Netzwerken und Einblicken in die aktuellen technischen Errungenschaften und den Entwicklungen in den Buchmarkt.

Meine Anreise ins Allgäu führte mich über Buchloe (mit einem Zwischenstop bei abavo) zunächst nach Kempten zu der AZ-Druck und Datentechnik, die mir einen ersten Einblick in das neue Erscheinungsbild erlaubte. Heute ging im Übrigen die relaunchte Seite online. So traf ich erst gegen Abend im Kloster ein, um mich zum ersten Tagungspunkt in den Stiftskeller zu gesellen. Viele der bald 80 Teilnehmer waren zu dem Zeitpunkt bereits eingetroffen. Untergebracht wurde ich in einem charmanten Nebengebäude, dem sogenannten Komödienhaus, das früher den Mönchen als Sommerhaus diente. Der Name ist auf ein kleines Theater zurückzuführen, das in dem Haus seinen Sitz hatte. Der Abend im Geiste der Bier brauenden Mönche vom Urtrunk (so das Bier der ansässigen Brauerei) beseelt, der kommende Tag von den Themen Markt und Technik:

Zunächst informierte Dr. Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung Panel Services Deutschland aus Nürnberg über den Buchmarkt und seine Käufer. Auch wenn Herr Adlwarth eindeutig den belletristischen und Sachbuchmarkt fokussiert, sind hier schwindende Nutzer auszumachen. Aktuell beleben ausschließlich die Bestager den Absatzmarkt des gedruckten Buches.

Die Marktentwicklung zeichnete Ehrhardt Heinold von der Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung aus Hamburg in seinem Vortrag Verlag 3.0: Vom Content- zum Community-Publisher fast noch drastischer. Die Verlagsbranche befinde sich in einem rasanten Wandel: »Das klassische Geschäftsmodell, ei dem Inhalte generiert, gepackt und als Produkte verkauft wurden, bleibt zwar im Kern bestehen, verändert sich aber durch neue Kundenanforderungen und vor allem durch neue Wettbewerber.« Selbst klassische Buchverlage müssen beginnen, die Endkunden in Marketing- und Produktionsprozesse zu integrieren. Hier seien Fach- und Special-Interest-Verlage noch mehr betroffen.

Die Kollegen Bernd Zipper von der ZIPCON Essen und Hans-Georg Wenke, Berater und Fachjournalist für Informations- und Kommunikations-
Transfer, Solingen, eskalierten den Zwang zur Innovation mit spannenden Einblicken in die Innovationen der Drupa.

Erdung versprach das Forum Technik, in dem die Druckpartner Dr. Rüdiger Schmidt von Bosch-Druck, Ergolding, Michael Feser von F-media Druck und schließlich Michael Köhnlein von Kösel neue Entwicklungen zu PoD, Veredelung und buchbinderischen Innovationen technisch erläuterten und haptisch anfaßbar machten.

Der zweite große Tag stand unter dem unausgesprochenen Thema »Change«, das es in vier Workshops zu bearbeiten galt:

Über das Verhältnis von Arbeit und Leben philosophiert Dr. Axel Braig aus Tübingen

Changemanagement – Positionierung, Neupositionierung titulierte der Workshop von Richard Wolff von b4 Consulting über Techniken, Innovationen und Strategien in Unternehmen zu implementieren.

Das wirkungsvolle Coverfoto setzte Prof. Dieter Herbst mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wahrnehmungspsychologie ins rechte Bild. Hier ging es um professionellen Bildeinsatz für Buchverlage.

Und Ursula Welsch von WelschMedien informierte dediziert über Content Management Systeme und die richtige Herangehensweise bei der Auswahl des richtigen Systems.

Abends belohnte uns Urs Widmer mit einer packenden Lesung , die das Buch seiner ureigenen Bestimmung zuführte. Es unterhielt auf lehrreiche und amüsante Weise.

Den dritten Tag schließlich überschrieb ich mit dem Titel: »Bücher machen: sicher, schön und laut«

Über Risiken und Chancen bei Fernostproduktion informierte Mark Temme vom Bureau veritas in Hamburg zunächst über Auditierung und Zertifizierung von Produktionsstätten. Unsere Kollegen Andreas Meyer vom Ravensburger Buchverlag und Friedrich Weskott vom Gerstenberg Verlag gaben ergänzende Einblicke in ihre tägliche Arbeit.

Niederländische Buchgestaltung – Traditionen & neue Tendenzen, so der anschließende Beitrag von Wim Westerveld aus Amsterdam, dessen Vortrag den Bogen zur Präsentation der schönsten prämierten Bücher der Stiftung Buchkunst von Uta Schneider spannte.

Schließlich lenkten wir unseren Blick (oder Horch) über den Tellerrand und staunten über die Digitalisierung abertausender Bücher für die Volltextsuche, die ausführlich von Roland Schild von libreka! Frankfurt vorgestellt wurde und machten Ohren, als wir von Chancen und Möglichkeiten von Downloadportalen bei Hörbüchern hörten, bei deren Vermarktung Arik Meyer von audible schon mal bis zu 70% Rabatt einstreicht und deren Produktion laut Theresia Singer von Headroom Sound Production doch eine komplexe Angelegenheit ist.

Die Veranstaltung schloß mit »fatalen Fehlern« (moderiert von Oswald Immel) und schönen Tönen beim Newton Saxofon Quartett aus München.

Eine tolle Initiative. Ich bin froh, dabei sein zu dürfen. Und sehr müde und glücklich fuhr ich am Sonntag durch den schönen Pfaffenwinkel über Schongau, Peißenberg und Weilheim nach Hause.


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