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Creative Paper Conference 2008 oder »What a different a day makes«

»Differenzierung statt tödliche Mitte«, so das Credo von Erwin Oberhänsli, der mit seiner Druckerei Feldegg auf klimaneutrale Produktion (Reduktion geht vor Kompensation) und dabei erfolgreich auf Nachhaltigkeit als Differenzierungsmerkmal setzt. Und zwar so erfolgreich, dass er eben den Unternehmer-Umweltpreis der Schweiz gewann. Heute bezeichnet er Nachhaltigkeit als Innovationsmotor für sein Unternehmen und die seiner Kunden, und hat dabei nicht nur seine Druckerei, »sondern die gesamte Branche in ein positives Licht gerückt.« [Druckmarkt, 42/2008]

Nur ein Beispiel für Differenzierung. Andere setzen auf Automatisierung oder Individualisierung, Digitaldruck oder Fullservice oder auch – was ein starker Trend ist – auf Differenzierung durch Ausstattung, Materialien, Kreation, Veredelung, Haptik. Davon war reichlich zu sehen und zu spüren auf der 2. Creative Paper Conference, die wieder in München von den Machern der novum veranstaltet wurde.

Nicht nur, dass mir die vorgenannte Creative-Paper eine willkommene Abwechslung aus dem eher abstrakten Beratungsalltag war: da gab es einfach Papier, Gestaltung, Veredelung und kreative Köpfe zum Anfassen und Austauschen satt. In der ehrwürdigen Münchner Reithalle, gleich neben der Münchner Fachhochschule, präsentierten sich haptische Unternehmen aus der grafischen Industrie (u.a. Paperlux, Kessler Druck), Lieferanten (Fedrigoni, Gmund, Sappi, etc.), Verlage (z.B. Hermann Schmidt) oder Veredler (u.a. Arbeitskreis Prägefoliendruck) und andere.

Die durchwegs spannenden Vorträge beleuchteten zwei Tage lang, wie sich Materialien, allen voran Papier, und Artwork voreinander und vor den Inhalten und Botschaften verbeugen können. Und hier referierten Praktiker für Praktiker. Akademisch nur der Auftaktvortrag von Professor Rayan Abdullah über die Geschichte, den Eros und die Sinnlichkeit des Papiers. Pimp my Paper, so der Schlachtruf von Cordula Allesandri, mit der sie aufrief, mehr Design zu wagen. Justus Oehler von Pentagramm und auch die Kollegen von Paperlux beschieden dem Papier eine haptische Zukunft. Aktuell sei eher die Tendenz zu mehr Materialität, mehr Austtattung und Veredelung auszumachen. Und Bertram Schmidt-Friedrichs schloß den ersten Konferenztag mit einer Liebeserklärung an das Buch. Das Publikum war sich einig: da hatte man »Kribbeln im Kopf« …

Am Folgetag gab Martina Merz, deren Agentur sich der Ökologie und der Nachhaltigkeit verschrieben hat, Einblicke in ihr Portfolio. Auch mit Recyclingpapier lassen sich wirklich schöne Arbeiten realisieren, wobei sie die ungewöhnliche (aber sehr authentische) Forderung formulierte, auf unnötige Drucksachen einfach zu verzichten. Das sei der beste Beitrag zur Nachhaltigkeit. Wenn das nicht ein radikaler Reduktionismus ist ;-)

Die anschliessende Podiumsdiskussion erarbeitete eine immanente Schwäche der grafischen Betriebe und der Printbuyer: Die Erfinder der Kommunikation kommunizieren schlicht zu wenig. Nicht nur Informationen müssten da ausgetauscht werden, es gäbe zahlreiche Projekte, die man zunächst am besten am runden Tisch besprechen sollte. Das unterstrich auch Sven Schmiede von der Produktionsschmiede, der über kreative Printproduktion sprach. Kreation ist Kopfsache. Und da muss man einfach die Köpfe zusammenstechen und sich austauschen! Die kreativen Drucksachen, die er präsentierte, überraschten: so ein pixeliges Steckbuch mit Internetzugang für Metafile (aus eigener Feder), ein Ding-Dong-Buch (in einer sechsstelligen Auflage), das Sammelwert hat. Aber auch die Esquire-Ausgabe vom Oktober (mit integriertem E-Ink-Paper) waren schöne Beispiele, wie sich Materialien aber auch Medien orchestrieren können.

Völlig entmaterialisert führte uns im Anschluss daran Röné Bringold die Macht der Farben jenseits klassischer Trägermedien vor Augen. »Bunt« muss (so wie die Gropius‘) seine »Lieblingsfarbe« sein.

Den Tag und die Konferenz beschlossen zwei sehr starke und bemerkenswerte Vorträge: Einmal Lorenz Boegli über die Möglichkeiten des Siebdruckes. Ich wußte zum Beispiel nicht, dass 120 lpi / cm zu realisieren sind oder welche Effekte durch die Kombination von Skalafarben, Lacken und irisierenden Pigmenten zu erreichen sind. Das war eine fast paradiesische Schau haptischer und visueller Effekte. Geerdet wurden wir schließlich auf charmante und liebenswerte Weise durch den Vortrag einer Produktionerin (Katja Knahn von Kochan & Partner), die mit einer großen Portion Humor und Gelassenheit die kreativen Wünschen ihrer Kollegen zu Papier (und oft den Boden der Tatsachen) bringt.

Neben all den geballten sachlichen und fachlichen Ladungen hatten die Veranstalter vor allem Raum für Gespräche, Begegnungen und Entdeckungen vorgesehen, so dass vor lauter Materialien und Ausstattungen eines nicht zu kurz kam: das Menscheln. Vielleicht der entscheidenste Faktor, wenn es um erfolgreiche Kreation und Produktion geht?


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