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Neue Geschäftsmodelle für Verlage, Teil 3

Nach den Beiträgen »The Contentparty is over« und Neue (partnerschaftliche) Geschäftsmodelle, in denen wir darlegten, wie Medienhäuser sich jenseits ihrer tradierten Geschäftsmodelle (Erstellung und Distribution von Content) mittels weiterer strategischer Assets zukunftsfähig aufstellen können, wollen wir diese Woche erfolgreiche Beispiele anführen.

Das sind Beispiele von Unternehmen, die die Kundenbedürfnisse in den Mittelpunkt ihrer strategischen Diskussionen stellen und dabei ihre Stärken, insbesondere ihre Marktzugänge und ihr Branchenwissen als Kernkompetenz einbringen.


Beispiel: Langenscheidt Übersetzungsservice.
Vom Wörterbuchverlag zum Anbieter von Global Information Services

Ausgangssituation
Die Langenscheidt Verlagsgruppe ist ein Inhaber geführtes Unternehmen, das sich seit über 140 Jahren vom Kleinunternehmen zu einer international agierenden Verlagsgruppe entwickelte. Der Traditionsverlag ist eines der weltweit bedeutendsten Unternehmen für die Kernbereiche Sprachen sowie Reise und Kartografie. 2007 erzielte die Verlagsgruppe nach unseren Recherchen mit etwa 400 Mitarbeitern 255 Mio. Euro Umsatz.

Die Kernsegmente, Wörterbücher, Reiseliteratur und Kartographie, sind im Markt rückläufig. In Konsequenz setzt das Unternehmen verstärkt auf Serviceleistungen. Der Markt für so genannte Language Service Providers ist ein hochattraktiver Wachstumsmarkt. Die größten Player L-3 Communications, Lionbridge Technologies erzielten 2006 einen Umsatz von 622 bzw. 419 Mio. US-Dollar mit 8.500 bzw. 4.200 Mitarbeitern an jeweils etwa 50 Standorten. Von der Umsatzgröße könnte Langenscheidt hier an dritter Stelle noch vor SDL International (174,5 Mio. US-Dollar bei 1.500 Mitarbeitern) agieren.

Markteintritt
Um sich in diesem attraktiven Markt etablieren zu können, setzt Langenscheidt auf die Assets Prozesshoheit, Mitarbeiterkompetenz und Markenstärke. Langenscheidt ist ein Top-Label und steht nicht nur für Wörterbücher, sondern vor allem für Sprachkompetenz! Darüber hinaus besitzt das Unternehmen hochmoderne Vertriebszentren und technische Betriebe an vielen Standorten in Europa, Asien und Amerika.

Im ersten Schritt wurde ein Übersetzungsservice eingerichtet. Um diesen als zuverlässigen Partner für die weltweite Unternehmenskommunikation zu positionieren, suchte Langenscheidt erfolgreich die Kooperation mit relevanten Fachverbänden. Allen voran das Forum Corporate Publishing. So war Langenscheidt 2008 Mitglied der Jury bei der Vergabe des Best of Corporate Publishing, überreichte den Sonderpreis der besten Internationalen Kommunikation und war in allen flankierenden Kommunikationsmaßnahmen sichtbar (Medienpartner des bcp sind u.a. w&v, Acquisa und horizont).

Da neben der Lokalisierung von geschriebenem Text die Übersetzung audiovisueller Medien an Relevanz für internationale Unternehmenskommunikation gewinnt, kollaboriert Langenscheidt Übersetzungsservices seit 2009 mit einem führenden Synchronstudio.

Ob Podcast, Videocast, Imagefilm oder Corporate-TV, die beiden Partner bieten die Produktion und Übersetzung audiovisueller Medien in über 45 Sprachen und 120 Sprachkombinationen an.

Und schließlich entwickelt Langenscheidt in Kollaboration mit Anbietern integrierter Publishinglösungen neue Services für Unternehmen. So zum Beispiel integrierte Übersetzungsmodule für Kommunikations- und Redaktionssysteme. Hiervon profitieren beide Partner gleichermaßen. Der technische Dienstleister durch die Anreicherung des eigenen (Translation Memory) Systems mit qualifizierten Inhalten, den persönlichen Leistungen des Übersetzungsservices und dem starken Brand des Verlagspartners. Das Medienunternehmen hingegen durch erweiterte, idealerweise skalierbare, Marktzugänge.

Diesem Vorgehen trägt auch das neue Mission Statement des Medienservices Rechnung:

Die Welt wächst zusammen, globale Märkte werden zunehmend interessanter und Fremdsprachen zählen zum täglichen Geschäft. Auf den Langenscheidt Übersetzungsservice können Sie sich als einen leistungsfähigen, zuverlässigen und kompetenten Partner für Ihre Übersetzungsprojekte immer verlassen.

Beispiel: Anycare by Thieme.
Neues Geschäftsmodell Fullserviceanbieter Krankenkassen

Ausgangssituation
Thieme wurde 1886 gegründet und befindet sich seit 1925 im Besitz der Familie Hauff. Kerngeschäft ist die Aufbereitung von Fachinformationen aus der Medizin und den angrenzenden Naturwissenschaften Chemie und Biologie. Das Programm umfasst heute 4.500 lieferbare Buchtitel und 130 Fachzeitschriften. Jährlich publiziert der Verlag 500 Neuerscheinungen pro Jahr. Mit etwa 600 Mitarbeitern erzielt das Unternehmen einen Umsatz von fast 100 Millionen Euro. Als Erfolgsgeheimnis bekennt sich Thieme zu der Konzentration auf die Kernkompetenz.

Mission Statement

»Wir verstehen uns heute als Anbieter von Fachinformation, nicht in erster Linie als Buch- oder Zeitschriftenverlag«. Es gehe stets darum, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Inhalte zur Fortbildung dem jeweiligen Kundenkreis entsprechend zu verpacken – gleich ob in Form eines Buches, eines Onlineangebots oder einer Dienstleistung. Als neue Bausteine des Medienunternehmens wurden in den letzten Jahren die Dienstleistungs- und Veranstaltungsbereiche aufgebaut.

Allen voran wollen wir den Gesundheitsdienstleister Anycare vorstellen, der Krankenkassen Serviceleistungen im Rahmen von geführten Versorgungsprogrammen für chronisch kranke Patienten – den so genannten Disease Management Programmen (DMP) – anbietet.

Zielgruppen Neben den tradierten Zielgruppen des Verlages (Studenten, Postgraduierte und Ärzte) bedient Anycare vorrangig Gesetzliche und Private Krankenversicherungen, Pharmaindustrie, Leistungserbringer sowie Patienten.

Leistungsangebot von Anycare reicht von der Konzeption bis zur Umsetzung von Programmen für das Versorgungsmanagement. Das sind im Einzelnen:

  • Management stationärer Kosten
  • Management ambulanter Kosten
  • Management von Arzneimittelkosten
  • Management sonstiger Kosten
  • Management von Krankengeld/AU-Tage
  • Management von Hochkostenfällen
  • Prävention

Weitere Leistungen sind unter anderem Indikationen, Leistungen im Versorgungsmanagement »AnyCare ProMed«, indikationsspezifische Leistungen, Datenmanagement, Auswertungen, Beratungsleistungen, Qualitäts-Management in Klinik & Pflege oder Arbeitnehmerüberlassung und Zeitarbeit.

Als USP führt Anycare die Konzeption und Umsetzung von indikationsübergreifenden und indikationsspezifischen Betreuungsprogrammen an, die sie mit einem eigenem medizinischen Servicecenter mit ausschließlich medizinischem Fachpersonal erbringen. Dazu gehört auch die medizinische Vor-Ort-Betreuung durch eine Kooperation mit einem bundesweit aufgestelltem Ärzte- und Pflegenetzwerk dazu.

Ein Beispiel aus dem Leistungskatalog von Anycare ist das Management stationärer Kosten. So versuchte Anycare durch gezieltes Fördern der Patienten-Compliance, unvorhersehbare Wiedereinweisungen ins Krankenhaus zu vermeiden. Dazu wurden Betreuungsmethoden wie bspw. das Telemonitoring von Vitalwerten eingesetzt. Mit dieser Methode konnten – nach Auskunft von Anycare – bei den Programmteilnehmern bereits 51 Prozent der Krankenhausaufenthalte eingespart werden.

Fazit Anycare hat sich als Servicedienstleister im Gesundheitsmarkt etabliert. Die ausgewiesene Marktstärke der Verlagsmutter, die viralen Netzwerke der führenden Mitarbeiter und die detaillierte Kenntnis der Marktbedürfnisse waren hier die strategischen Assets, die den Markteintritt ermöglichten. Kooperationen mit großen medizinischen Vereinigungen einerseits, aber auch die enge Zusammenarbeit mit der Verlagsgruppe (so zum Beispiel bei der Erstellung und Herausgabe von Informationsmaterialien für Betriebskrankenkassen) haben den Markteintritt des Unternehmens in den attraktiven Gesundheitsmarkt nachhaltig verstärkt.

Lesen Sie nächste Woche:
Weitere Beispiele erfolgreicher neuer Geschäftsmodelle. Wie zum Beispiel ein Fachverlag die Bedürfnisse seiner Zielgruppe aggregierte und mit einem völlig neuen Ansatz den Umsatz verfünffachte. Oder wie sich ein kleiner Publikumsverlag mit angeschlossener Druckerei zum führenden Informations- und Serviceunternehmen aufstellte.


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