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Was von der Gesellschaft bleibt? Über die Absurdität, dass uns Tragödien unterhalten.

Oliver Stock, Online-Chefredakteur des Handelsblatt, befasst sich in der täglichen Kolumne „Was vom Tage bleibt“ gemeinhin mit Wirtschaftsthemen „Warum wir Tsipras empfangen?“ oder „Von Zürich lernen heißt gewinnen lernen“, doch auch er kann sich nicht der publizistisch-boulevardesken Anziehungskraft des tragischen Flugzeugunglücks entziehen: „Ein Kranker am Knüppel„, so tituliert die Kolumne an dem heutigen Abend. Sein Fazit: „Der Pilot war krank“ und tut es fast beiläufig ab „Das Risiko fliegt mit“. Um dann wieder zu griechischen Reformen und den Konflikt in Jemen zurückzukehren. Zu dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags, den er am Tag zuvor noch angeprangert hatte als eine „Tat“, vor der wir hilflos stehen, und „die sich [je]der Erklärung entzieht“.

Wahnsinn hieße in unserem System, was wir niemals akzeptierten, so konnten wir erst gestern in der Kolumne lesen, die sich ausschließlich einem Thema, der Akte 4U9525, widmete. Eine Akte, die nach Stock scheinbar gelöst schien.

Gestern noch imponierte mir der Beitrag ein wenig, weil Stock nach Motiven frug. Über das, was uns irritiert, was uns verstört. Aber nach seinem heutigen Aufmacher bin ich es, der irritiert ist, verstört. Und dazu verärgert, als sich noch ein Chefredakteur eines anderen Journals zu Wort meldet. Und aufschwingt, diese Form des „Qualitätsjournalismus“ mit den Mitteln zu kritisieren, denen er sich gleichfalls bedient: „Muss wirklich jedes Medium seinen Senf zu diesem Unglück abgeben?“, fragt Jochen Kalka von der wuv und torpediert auch die Kollegen vom Handelsblatt. Und mit Kalkas Fazit willl ich erst recht nicht einverstanden sein: „es ist völlig egal, was er für einen Hintergrund hat, was für Motive […]. Um ihn geht es nicht.“

Ich muss widersprechen, werte Herren Kalka und Stock, liebe Medienmacher!

Natürlich geht es nicht um den A.L. aus M., sehr wohl aber um den Menschen und sein Motiv, seine Verzweiflung und die Ursachen dafür. Es geht meines Erachtens um die Fragestellung, was einen Menschen überhaupt dazu bringen kann, nicht nur dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, sondern diese unendliche Schuld auf sich zu laden.

Es geht um die Frage, wieso sich in unserer transparenten und offenen Gesellschaft solche Persönlichkeiten (unentdeckt) formen können? Warum wir nicht in der Lage waren, uns diesem – und auch anderer verzweifelter und entwurzelter Menschen – rechtzeitig anzunehmen, zu helfen?

Es geht darum, dass wir mit Wohlfahrts- und Sozialstaatlichkeit ebenso reißerisch etikettieren, wie die Journalien unserer Zeit mit Schlagzeilen. Dass wir aber in Wirklichkeit weghören und wegsehen. Dass uns die Courage fehlt. Dass es in unserer Verantwortung steht, liebes Handelsblatt und liebe w&v, konstant leise wachzurütteln und nicht nur laut den Kopf zu schütteln. Vorher hinzuhören und nicht hinterher rauszubrüllen. Wir müssen deeskalieren, integrieren, Gespäche führen, Mensch sein.

Aber davon, liebe Medien, davon hättet Ihr keinen Profit. So ist das wohl mit Bildungsaufträgen. Mal sehen, was am Ende des Tages von der Gesellschaft bleibt. Einer Gesellschaft, die auch durch Euch geprägt wird.


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