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Sind die Medien noch zu retten?

„Kämpfen Sie für die Zukunft freier Gesellschaften durch kritischen Journalismus!“, so das Plädoyer von Mathias Döpfner, anlässlich des diesjährigen Treffens der Deutschen Zeitungsverleger im September in Stuttgart. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE ist zugleich Vorsitzender des Verbandes, dessen Mitglieder mit stark rückläufigen Verkaufszahlen und Werbeerlösen zu kämpfen haben. Das Problem sei hausgemacht, so Döpfner. Die Verlage müssten mehr für die „Grundlage (ihres) Geschäftes und damit für die Zukunft des Journalismus […] kämpfen“ und in den „Verlagen die Rahmenbedingungen schaffen, damit Journalismus relevant und erfolgreich bleibt“.

„Wenn Du keine Zeitung liest, bist Du uninformiert, wenn Du Zeitung liest, bist Du falsch informiert.“
Mark Twain (1835–1910)

Immer mehr Menschen beklagen, was sie sehen, hören und lesen und die Medienkritik nimmt zu – bis zum Vorwurf der Lügenpresse. In einer sehr lesenswerten und differenzierten Analyse legen zwei gelernte Journalisten Thilo Baum (*1970) und Frank Eckert (*1967) den Finger in die Wunde der Branche und unterbreiten anhand zahlreicher Beispiele konkrete Vorschläge, wie Medien arbeiten müssen, um wieder glaubwürdiger zu sein.

Informationen weiterzugeben, ist ein Handwerk

Schuld an dem Debakel, so die Autoren, sei eine fortschreitende Popularisierung der Medien, angestiftet durch das Aufkommen des Privatfernsehens (plötzlich zählten Quoten) und verstärkt durch die Verbreitung des Internets. Heute habe jeder von uns die Produktionsmittel eines Medienkonzerns zu Hause. Und in der Tat haben sich die Auflagen der deutschen Tageszeitungen seit 1983 nahezu halbiert.

Über die Arroganz der Medien

Der Journalismus war sich seines Deutungsmonompols zu sicher, bemängeln die Autoren. Demut sei angebracht. Demut vor der Sprache, vor Fakten und dem Leser. Der Journalist müsse zunächst zuhören, dann reflektieren und schließlich verstehen, bevor er schreibe. Er müsse den Menschen ernst nehmen. Es gäbe zu viel Parteinahme, Klischees würden bedient und nicht Fakten befragt. Klares Denken sei gefordert. Heute haben die Medien ihren Stellenwert als Orientierungsgeber verloren. Der Leser wolle keine raschen Nachrichten – ein verbreiteter Irrglaube – sondern zuverlässige. Dazu bedarf es Relevanz und Verständlichkeit.

Augenmaß, Verantwortung und Leidenschaft

Das Werk ist aber nicht nur eine Bedienungsanleitung für ein besseres handwerkliches journalistisches Arbeiten, sondern zugleich ein Appell für ein differenziertes und vernünftiges Denken. Auch wir Leser verfielen viel zu leicht Deutungsmustern anstatt die Dinge zu hinterfragen. Die Gesellschaft stumpfe ab, so eine Feststellung der Autoren. Und die Verantwortung dafür trage zu Teilen der Medienbetrieb, der keine pluralistischen Debatten mehr befördere. Wir sind sofort an die – wie wir meinen auch berechtigte – Medienschelte durch die Politiker im Nachgang der Bundestagswahl erinnert.

Und? Sind die Medien zu retten?

Das Buch könnte auch andere Titel tragen: „Ist der Journalismus noch zu retten?“ Oder „Ist die Meinungsfreiheit noch zu retten?“ Es ist ein aufklärerisches Buch. Ein Anleitung zum differenzierten Denken (und Schreiben), eine Ode an den gesunden Menschenverstand. Es ist dabei unterhaltsam und kurzweilig. Döpfner schließt seine Rede mit der Feststellung, Journalismus sei „kein Verbrechen, sondern ein Rohstoff der Demokratie“, für den zu kämpfen es sich lohne. Die Autoren des Buches würden sich bestimmt eine Ergänzung wünschen: Nur guter Journalismus!

Ob die Medien zu retten sind, diese Antwort schuldet Döpfner und die Autoren reduzieren es auf die Rückbesinnung auf das Handwerk. Das Thema Medienfinanzierung wird in dem Buch leider nur am Rande behandelt.

Aber für die Rettung des Journalismus gibt es Hoffnung: Wenn die Arroganz wegfällt, wenn weniger auf politische Korrektheit als vielmehr auf Fakten geachtet werde, wenn die Bevormundung aufhört und die Medien dem Leser wieder auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen: „Die Medienzukunft hängt von der Fähigkeit zur Selbstkritik ab“. Wir denken, das mag für alle Gesellschaftsteile zutreffen.

Baum, Thilo und Eckert, Frank:
Sind die Medien noch zu retten? Das Handwerk öffentlicher Kommunikation.
Midas Management Verlag AG 2017
ISBN 978-3-907100-88-2


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