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eBookmania aller Orten! Und trotzdem kann das eBook nur scheitern.

Seit bald 10 Jahren markieren eBooks den Versuch, mit einem digitalen Produkt eine Alternative zum gedruckten Buch zu etablieren. Ein Trend, dem Verlage zunächst nicht oder nur zögerlich folgten. Erst mit der Ankündigung des Kindle Ende 2007 und seinem Erfolgszug in den US-Märkten sind auch im deutschen Buchmarkt ungeheure Anstrengungen zu spüren, Inhalte für elektronische Lesegeräte aufbereiten und den verbreitenden Buchhandel an dem Vertrieb der eBooks partizipieren zu lassen. (Nur zum Verständnis: eBook bedeutet in diesem Kontext nicht die crossmediale Verwertung von Inhalten, und der Kindle ist das Produkt eines monopolisierenden Grossisten).

Wir gingen immer davon aus, es gäbe ja passable (und mobile) Lesegeräte: Handhelds, iPhone, Palm und Blackberry, ja selbst Subnotes erübrigten die Herstellung und den Vertrieb neuer Lesegeräte, die ja zunächst nur zu einem taugen: zum Lesen. Und das nicht mal vortrefflich. Deshalb waren wir über die Verunsicherung der Buchbranche verwundert, die sich seit der Buchmesse 2008 verbreitete. Typische Fragen waren und sind: Wie können wir Inhalte digitalisieren? Was sind die gängigen Formate? Welches Lesegerät wird sich durchsetzen?

Und Techniker wie Berater reagierten prompt. Ein wenig Aufklärungsarbeit versucht zum Beispiel Ralf Alkenbrecher im Buchmarkt zu leisten. Technische Lösungsanbieter wie zum Beispiel Kreutzfeldt Electronic Publishing erfahren einen regen Zulauf, wie wir hören. Und libreka, eine Tochter des Börsenvereins – das ist der Verband der Verlage und Buchhandlungen – digitalisiert eifrig (und zunächst sogar kostenfrei) Bücher deutscher Verlage, um sie nun auch im Internet als eBook zum Download anzubieten. Hinweis: Ziel der Verbandstochter muss freilich sein, möglichst alle Interessen des Verbandsmitglieder in der Digitalisierung und Vorhaltung und Verbreitung digitaler Bücher angemessen zu vertreten.

Zur Dynamik – Schritt I:

  • Libreka (Börsenverein) hat digitale Bücher (etwas über 100.000 Titel), die aber zunächst kaum online zu finden waren, weshalb libreka mit Google kooperiert.
  • iTunes (Apple) ist das erfolgreichste Downloadportal (zunächst Musik und Sprache)
  • Google hat über 500.000 (lizenzfreie Titel, darunter z.B. Charles Dickens) digitalisiert.
  • Sony hat ein Lesegerät, den Sony reader (der über den stationären Buchhandel (sogar mit Ledereinband!) bezogen werden kann)
  • Amazon hat den Kindle.
  • Die Systeme Sony reader und Kindle unterstützen unterschiedliche Formate (deren Ausgangsbasis idealerweise jeweils strukturiertes PDF oder sogar XML ist).

Zwischenfrage: Kennen Sie sich noch aus? Wie soll das alles funktionieren? Und kann sich das eBook überhaupt auf proprietärem Wege (nämlich über den stationären Buchhandel) verbreiten? Aus unserer Sicht ist das eine Verbeugung der Verlage und des Verbandes vor dem stationären Buchhandel.

Zur Dynamik – Schritt II:

  • 4. März 2009: Amazon launcht das (kostenlose) Programm Kindle for iPhone über den (US)App Store und ermöglicht auf diese Weise auch Kunden, die keinen Kindle besitzen, den mobilen Zugang zu den dafür bereits erhältlichen Buchtiteln.
  • 11. März 2009: Sony reader ist über den Buchhandel (zunächst Libri und Thalia) zu erwerben [Heise].
  • 19. März 2009: Google schenkt Sony reader 500.000 lizenzfreie Titel [Spiegel].

Und warum die ganze Aufregung? Geht es um den Börsenverein, Sony oder Amazon? Nein! Apple vs. Google heißt der Kampf. Was hier eingeläutet wird, ist die Schlacht um mobilen Content. iPhone mit den Inhalten des Kindles und Amazons vs. Googles neues Androidhandy G1.

Und was bleibt uns?

Der Buchhandel muss sich auf seine Kernkompetenzen besinnen und Themen inszenieren statt entmaterialisierte Produkte feil bieten zu wollen. Neben den Lesebüchern müssen Wohlfühlwelten entstehen, neben Fachinformationen Fachprodukte zu stehen kommen. Das Buch als Genussmittel im Delikatessenladen der Unterhaltung oder als informatives Allzwecktool im Baumarkt der Fachwelt.

Verlage müssen sich auf Ihre Kernkompetenzen besinnen, Wissen oder Unterhaltung qualifizieren und zielgruppengerecht aufbereiten und distribuieren. Das wird zunehmend crossmedial, also Medien übergreifend erfolgen. Die Medien konvergieren stärker als sie sich substituieren.

Der geneigte Leser kann sich freuen, denn seine Inhalte werden ihm dort angeboten, wo er sich aufhält, in dem Format, das er bevorzugt. Er kann Inhalte mitnehmen, so wie er seine Musik bei sich trägt, kann seine Lieblingstexte teilen, so wie er seine Lieblingssongs teilt. Frei mach dem Motto: »Höre, was ich höre, und Du weißt, wer ich bin. Lies, was ich lese, und Du wirst mich kennen.«

Die Kulturlandschaft wird zwar globaler, lebendiger werden, aber (was die Vielfalt im Bereich der gedruckten Bücher betrifft) ein wenig ärmer. Briefwechsel, wie zum Beispiel die zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers, werden nicht mehr als Edition erscheinen können. Aber online. Nicht mit den Kommentaren der Editoren, aber mit denen der Leser. Hier substituiert das Internet. Wenn wir aber uns beobachten, stellen wir fest, dass auch unsere Art und Weise zu kommunizieren sich gleichfalls in diese Richtung änderte. Statt per Brief pflegen wir Freundschaften via E-Mail, twitter, blog oder social communities.

Auch die Presse ist im Wandel: Sie muss sich für die Rezeption der Inhalte neuer, anderer und weiterer Kanäle bedienen. Besonders tragisch: Das gilt auch für die Verteilung und Verbreitung der eigenen Inhalte. Sie muss selber konvergieren, sich vor dem Leser verneigen. Früher war es der Leser, der sich vor der Presse verbeugte.

Und die Drucker? Auch sie müssen sich auf die Kernkompetenz besinnen, die da nicht lautet, Farbe auf das Papier bringen zu können, sondern als technische Partner der Medienhäuser die qualifizierten Inhalte dergestalt aufbereiten und vervielfältigen zu können, dass es den Anforderungen der Zielgruppen der Medienhäuser Rechnung trägt. Nicht als Mönch, der faksimiliert, nicht als Gutenberg, der presst, aber in dieser Tradition als Partner der Publisher und Werber, der Inhalte digitalisiert, sie strukturiert, granuliert und medienneutral vorhält und (parallel) auf die verschiedenen Ausgabegeräte Medien ausgibt. Und das wird auch Papier sein.

P.S. Frage: Werden Sie sich ein Lesegerät für digitale Inhalte im Buchhandel kaufen, um sich dann dort (und nur dort?) die digitalen Inhalte auf das Gerät laden zu können?


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