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Warum Facebook gar keine Social Community ist, Wikipedia hingegen eine

Ich ärgere mich immer wieder auf ein Neues, wenn ich über Statistiken und Umfragen stolpere, die auch noch den Anspruch erheben, repräsentativ zu sein, in der Tat jedoch Äpfel mit Birnen vergleichen. Der von mir sonst sehr geschätze Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) hat eine »repräsentative Untersuchung zur Nutzung sozialer Netzwerke im Internet« unter 1.000 Internetnutzer ab 14 Jahren durchführen lassen (durch FORSA) und die Ergebnisse in einer Studie (Download PDF) veröffentlicht.

Ein Ergebnis der Umfrage: Facebook ist das mit Abstand größte soziale Online-Netzwerk in Deutschland. 51 Prozent aller deutschen Internetnutzer sind Mitglied der Community.

Verglichen werden hier Facebook, Stayfriends, VZ-Netzwerke, Wer-kennt-wen, XING, Google+, Twitter, Lokalisten, My Space und Jappy. Also Social Network Sites, Social Networks, Curated Networks und ein Microblogging Dienst. Warum, so frage ich mich, werden in die Betrachtung nicht auch Youtube, fllickr, tumblr, Delicious oder Special Interest-Angebote wie Doctorconsult, Beck-Community, Horizontpeople oder manager-lounge eingebunden. Oder Soziale Netzwerke wie Berufsverbände, Gewerkschaften, Alumnis, Vereine, sofern sie auch online aggregiert sind?

Was zeichnet denn eine Community aus? Nach Mandl und Winkler handelt es sich bei einer virtuellen Community um einen »Zusammenschluss von Menschen mit gemeinsamen Interessen[…], die untereinander mit gewisser Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit auf computervermitteltem Wege Informationen austauschen und Kontakte knüpfen«[i]

Das leistet keine der genannten SNSs. SNS steht für Social Network Sites. Das sind Web basierte Dienste, auf denen (1) Nutzer ein Profil einstellen, (2) mit anderen Nutzern in Kontakt treten, und diese (3) schließlich pflegen und verwalten können. (Vgl. Boyd und Ellison) [ii]

Hier werden Diensteanbieter und Plattformbetreiber (nach Ethority-Prism irrtümlich als Social Networks katalogisiert) mit Curated Networks (moderierten Communities) und Special Interest Communities in einen Topf geworfen. Twitter als Microbloggingdienst hat hier überhaupt nichts verloren. Die Aussagekraft der Untersuchung bezieht sich auf die Reichweiten von Social Media Angeboten.

Vieles mag Social Networks und auch andere Social Media Angebote und Tools einen: Die Möglichkeit, Nutzer zu aggregieren, die Basis für Interaktion und Austausch, die Plattform für Kommunikation (i.S. von Publizieren und / oder Inhalte-Teilen).

Ein ganz wesentlicher Unterschied ist dennoch hervorzuheben: Es gibt einerseits kuratierte (das sind moderierte) Netzwerke mit einem gemeinsamen Nenner, einem Common-Interest (oft auch Special Interest) und andererseits Social Network Services, die reinen Plattformdienste, die gemeinhin und fälschlicherweise als Social Networks bezeichnet werden. Erstere können als Community bezeichnet werden, zweitere sind reine technische Serviceangebote. Facebook ist, seit es 2005 weltweit als Highschool Network reüssierte und nicht mehr Harvard only war, keine Social Community mehr. Wikipedia hingegen, deren Autoren sich in geschlossenen Benutzerbereichen und Diskussionsforen intensiv über Qualität und Relevanz der Einträge austauschen, hat alle Merkmale, die eine virtuelle Community auszeichnen.

Das bedeutet nicht, dass es auf Facebook keine Social Communities gäbe. In Gruppen, Profilen, Seiten finden sich Nutzer zusammen und bilden eigene Gemeinschaften. Auf den so genannten Social Network Sites aggregieren sich Nutzer ständig neu. Auf XING gibt es zahlreiche große Gemeinschaften mit Branchenfokus oder in regionalem Kontext. Branchengruppen wie z.B. XING Media & Publishing zählen Tausende von Mitgliedern. Der Berufsverband Druck & Medien hat im »hinkenden« Vergleich dazu nur ein Bruchteil an Mitgliedern.

Ich will hier aber keine Reichweitendiskussion anstiften. Das mag für die schaltende Werbeindustrie relevant sein, hat aber keine Aussagekraft über die Qualität und Intensität der Nutzung. Ich habe schlicht ein Problem damit, wie der Begriff Social Network ausgelegt wird. Im »wahren« Leben würden wir sehr genau zwischen einem Engagement in einer Bürgerinitiative, einem Sportverein oder einem Berufsverband unterscheiden. Auch die 500 jungen Studenten, die sich jede Woche zu einer Party treffen, sind eine Community. Ethority unterscheidet das in seinem Prisma (auch wenn ich nicht mit allen Klassifizierungen einverstanden bin): Da gibt es social networks und curated networks. Curated steht für umsorgt, moderiert, Special Interest.

Als Nutzer auf facebook oder Google+ treiben mich andere Motive (nennen wir es Teilen oder Senden) als auf z.B. XING und LinkedIn (Anbahnen, Recherchieren, geschäftliche Kontakte pflegen). So mag der Vergleich hinken. Spannend wäre es, wenn BITKOM untersuchte, wie sich die Entwicklung z.B. von Berufs- und Arbeitgeberverbänden durch die Entwicklung kuratierter Netzwerke (wie z.B.) XING veränderte. Das wäre eine validere Vergleichsgrundlage.


[i] Mandl, H., Winkler K.: Virtuelle Communities – Kennzeichen, Gestaltungsprinzipien und Wissensmanagement-Prozesse In: Forschungsbericht Nr. 166 der LMU München, Department Psychologie, Institut für Pädagogische Psychologie, München, 2004, S. 3, online im Internet: http://epub.ub.uni-muenchen.de/323/1/FB_166.pdf, Aufgerufen am 03.01.2012

[ii] Boyd, D. M., Ellison, N. B.: Social network sites: Definition, history, and scholarship. Journal of Computer-Mediated Communication, 13(1), article 11, online im Internet: http://jcmc.indiana.edu/vol13/issue1/boyd.ellison.html, Aufgerufen am 02.01.2012

[Disclaimer: Die Gruppe XING Media & Publishing wird u.a. von mir moderiert]


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