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Soziale Netzwerke: Der Anfang vom Ende

Haben soziale Netzwerke eine Zukunft?

Diese Frage ist dieser Tage durchaus berechtigt. Die Erfolgsgeschichte von StudiVZ, vormals das größte soziale Netzwerk in Deutschland, auf das vor etwa zwei Jahren noch monatlich  fast einer halbe Milliarde Mal monatlich zugegriffen wurde, ist zu Ende. Nicht die Spatzen pfiffen es schon lange von den Dächern, die IVW-Zahlen und eine plastische Auswertung unter http://wann-stirbt-studivz.de/ prognostizierten das Unausweichliche. Und auch das Derivat SchülerVZ soll sich neu finden: als kleines kollaboratives Lernnetzwerk für Schüler.

In der relativ jungen Geschichte Sozialer Netzwerke – rrste prominente Plattformen waren 2001 Ryze.com oder 2002 Frienster.com – ist das aber keineswegs das erste Aus eines ursprünglich führenden Anbieters. Wir erinnern uns alle an Myspace.com. Gelauncht im August 2003 konnte es bereits einen Monat nach Gründung 1 Millionen Mitglieder verbuchen, im November des gleichen Jahres sogar 5 Mio. Mitglieder. Kurz nachdem Rupert Murdoch’s News Corp. das Netzwerk für 580 Mio. US-Dollar 2005 erwarb, wurde myspace die am häufigsten aufgerufene Webseite in den Vereinigten Staaten und zog 80% der Besuche aller Social Networks auf sich. Doch schon Mitte 2008 wurde es von Facebook überholt. Den Rest kennen Sie: Januar 2011 wurde die Hälfte der etwa 1.000 Mitarbeiter zählenden Belegschaft entlassen und im Juni wurde das ehedem größte Social Network für 35 Mio. US-Dollar an veräußert.

Social Networks Müdigkeit

Richard Gutjahr, Blogger, Journalist und TV-Moderator, adaptierte in einem Blogbeitrag einen neuen Trend, der bereits vor einem Jahr von Laura Coventry auf Daily.Record.co.uk geprägt wurde: Facebook fatigue. Zunächst seien es nur die Alphablogger und Social Media Experten, die sich abwendeten, aber »irgendwann«, so Gutjahr« gehe »auch die längste Wachstumsphase zu Ende«.

Auch Craig McGillBut, Journalist und Social Media Experte sieht den Anfang vom Ende: »now, while the bubble hasn’t yet burst, the heights of Facebook mania appear to be in the past.«

Ausstieg wegen Überforderung?

Oder ergeht es uns wie Frank Schirrmacher? Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekennt in seinem Buch Payback »Mein Kopf kommt nicht mehr mit«. Die dauernde Aufforderung, zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden zu müssen, überfordere uns schlichtweg. Darüber hinaus würden wir unserer Persönlichkeit enteignet. Als gläserne Menschen gehörten wir uns nicht mehr. Daher empfiehlt er den bewussten Ausstieg aus der technischen Übersozialisierung.

Haben Social Networks eine Zukunft? Verlieren wir einfach das Interesse daran oder können wir es (uns) schier nicht mehr leisten, dauernd »on« zu sein? Oder wird unser Mitteilungsbedürfnis irgendwann schlicht gestillt sein? Oder ist es dem Lauf der Dinge geschuldet, dass sich Wachstum wieder in Degression wandelt? Und alles ebbt ab? Ganz automatisch, wie von selbst?

Soziale Netzwerke als Gesellschaftsbetriebssystem?

Gunter Dueck, Mathematiker, Philosoph, IBM-Chefstratege und Visionär prägte den Begriff »Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem« und zeichnet eine völlig neue Zukunft, in der Menschen und Dinge miteinander vernetzt sind. So vernetzt, dass alte Ordnungssysteme wie Bildung, Politik, oder Währungen überholt oder gar überflüssig werden. Nun ist die Frage, wie das Internet das leisten soll.  Tim Berners-Lee, Erfinder der HTML und – man könnte auch sagen – des Webs, sagte, »the web is for interaction between people«. Die 300.000 Computer, mittels derer 1990 Experten via Web austauschten konnten, bildeten eine kleine elitäre Gemeinschaft. Heute zählen wir über 2 Mrd. Internetnutzer. Der gemeinsame Nenner ist nicht mehr das Web. Heute sind es die Olipole wie Facebook, Google, Amazon, Microsoft oder Apple.

Nichts geht (mehr) ohne Semantik

Nun wird es klar, dass nicht die Technologie verbindet, sondern die Relationen. Die gemeinsamen Anknüpfungspunkte. Und die müssen wir Nutzer erst Mal preisgegeben haben. Ohne Spuren im Netz (und die Spurensammler) kein digitaler Fußabdruck. Ohne Tags und Ontologien keine Profile. Ein Betriebssystem braucht korrespondierende Module und verzahnte Programmroutinen so wie eine Gesellschaft Individuen und ihren Austausch. Erst dadurch werden wir vernetzt, greif- und messbar.

Ein deutscher Softwarehersteller bringt das ganz anschaulich auf den Punkt: Die Welt ist Information. Text, Bild, Video, Geodaten, klar. Aber auch Biodaten, Konsumverhalten und Profile sowie dingliche Sachen. Das wird in naher Zukunft miteinander in Verbindung gebracht. (Video, 4 min.)

In dieser Zukunft gibt es keine Überforderung mehr. Das semantische Web filtert für uns die relevanten Informationen heraus: Produktempfehlungen, Freundschaften, Inhalte. Den Horizont erweitern unsere Netzwerke, die Weak Ties. Oder unbekannte Nutzer, mit denen wird ganz ähnlich gelagerte Interessen und Neigungen teilen, ohne es zu wissen. Die Empfehlungen kommen aus dem Äther.

Fazit: Social Networks haben keine Zukunft

Nun könnten wir ja schließen, dass gerade die Facebooks dieser Welt, die alle eifrig unsere Daten sammeln, das Zeug zum Gesellschaftsbetriebssystem haben, die Grundlage des semantischen Webs bildeten. Daran glaube ich aber nicht: In den Social Networks spielen wir Rollen. Wir sind überzeichnete Spezialisten oder platte Generalisten, mal ausgeprägt, mal polarisiert immer reduziert. Wir haben uns längst festgelegt. Auf Themen, die gehört werden, auf Kreise, die uns akzeptieren. Wir haben uns schon etikettiert in dieser sozialen Welt. Und diese Etikette ist kein Abbild unseres Selbst. Authenizität – sooft sie auch eingefordert wird – wird auf den Plattformen, die bereits eine sichtbare Community aggregierten, nur vorgelebt. Ein weiteres Second Life.

Es werden vielmehr die Datenkraken sein, die das noch nicht öffentlich austragen. Nicht Amazon, nicht Google, nicht Facebook. Vielleicht die Energieversorger, Versicherungen, Apple, Softwareanbieter?

Die Empfehlungen werden irgendwann technologisch basiert, semantisch qualifiziert und punktgenau an uns herangetragen. Nicht mit der Maskerade einer abschreckenden AdWord oder eines stylischen Flashmobs, nicht als Multipost eines selbsternannten Influenzers. Nein, sondern als leise Empfehlung einer Instanz, der wir trauen.

Und bitte fragen Sie sich selber: Trauen Sie den Social Networks oder den Suchmaschinen?

Diese neuen Grids (intelligente und unsichtbare Information) einerseits, die Mittler (persönliche, vertraute oder glaubhafte Instanzen oder auch Geräte unseres täglichen Gebrauchs, z.B. der Kühlschrank bestellt fettarme Milch, da die Personenwaage im Hinblick auf Ernährungsverhalten und Biodaten des Nutzers diese Empfehlung aussprach) sowie relevante Informationen sind es schließlich, die den Nutzen über den Lärm stellen. Die Abhängigkeit von der Technologie wird dann eine andere sein. Aber das Leben wird leiser, leichter und fettärmer.


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